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Kunstszene

Von einem, der gerne seine Kreise zieht

Am Aufbautag der art KARLSRUHE nahm Jürgen Paas sich für ein Gespräch mit ARTIMA Zeit. Wir sprachen mit ihm über die Bedeutung von Farbe und Kreiseziehen seinem Leben und erfuhren Einzelheiten zu seinen TARGET-Installationen.

Foto: Jürgen Paas

Sie arbeiten seit zwei Jahrzehnten mit farbigen PVC-Bändern und Aluwellen, hatten in Ihrem Leben u.a. Lehraufträge und eine Gastprofessur für Malerei. Was gab den Anstoß, mit PVC und Alu zu arbeiten?
Ich arbeite gerne und häufig mit durchgefärbten Industriematerialien. Früher habe ich sämtliche Installationsmaterialien selbst hergestellt.
Im Verlauf meiner künstlerischen Entwicklung hat sich ein Konflikt ergeben, in dem Ideen und Konzepte immer schneller und intensiver vorhanden waren als dass es Zeit gab, sie künstlerisch umzusetzen.

Ihre Zielscheiben-Kunst, die TARGETs, sind sehr  farbenreich. Sind Sie ein Mensch, der generell Farbe liebt  oder steht die mehrfarbige Wickelarbeit für eine aktuelle  Phase in Ihrem Leben?
Ich habe eine große Sensibilität für Farbe und viel  Aufmerksamkeit für alles, was damit zu tun hat. Farbe ist etwas,  was mich schon seit vielen Jahren aus vielen Zusammenhängen  heraus interessiert und ein Thema, dem ich in jeglicher Form  und Verarbeitung nachgegangen bin, schon als Student.  Beispielsweise habe ich in der Berliner Gropiusstadt an einem  offenen Projekt teilgenommen. Hier habe ich während meines  Aufenthaltes auf den großen unübersichtlichen Klingelbrettern  der Trabantenstadthochhäuser „meine Farben“ entdeckt. Namen  wie Schwarz, Weiß oder auch Grün tauchten dabei häufig, Gelb,  Lila oder Orange viel seltener aber überraschend ebenfalls auf.  Im Weiteren habe ich dann die Berliner Telefonbücher  ausgewertet und bin hier auf eine neue, schöne  Entdeckungsreise gegangen.
In der Kunst reichen mir oft nur kleine Hinweise auf Farbe, wenn  insgesamt eine große Menge von Farbe vorhanden ist. Wenn  die Suche nach Farbe plötzlich in der Betrachtung Bedeutung  erhält, das finde ich spannend. Ein Beispiel dazu:
Als ich noch vollständig als Maler gearbeitet habe, habe ich großformatige Malereien von 4-5m2 gemacht, große Wände mit fleckiger, farbiger Malerei. Ich habe diese mit Grau- und Schwarztönen mit dunklen, dicken Ölfarbemassen übermalt und habe nur kleine Partikel der bunten Farbe rausblitzen lassen. Das hat mir gereicht. Ebenso bei meinen Bucharbeiten. Seite für Seite bemale ich vollflächig jeweils mit einer anderen stark-pigmentierten Aquarellfarbe und schlage sie dann z.B. an einer schwarzen Doppelseite auf. Somit habe ich dann ein schwarzes Quadrat, während man die ganzen andersfarbigen Seiten dann an der Kante aufblitzen sieht.
Farbe ist also eine ganz große Motivation. Es ist quasi mein Spektrum an Klängen, wie in der Musik, ähnlich UN-fassbar, das Vokabular und die Herangehensweise sind in der Musik und beim Arbeiten mit Farbe ähnlich. Wenn man so will, sind die TARGETs musikalische Werke: Ich bin permanent damit beschäftigt, zusammenhängende Partituren und symphonische Raumzusammenhänge zu schaffen.

Sie passen Ihre TARGETs immer auf die aktuelle Situation vor Ort an. Gilt dies nur für die Größe oder variieren Sie auch die Zusammenstellung der Bänder?
Ja, in langer und intensiver Vorbereitung passe ich meine Arbeiten immer an die jeweiligen Gegebenheiten an, dies betrifft sowohl die Größe, Proportion als auch die Farbkombination. 

Sie benennen den Erstellungsprozess Ihrer TARGETs bewusst „Kreise ziehen“. Welche Wirkung hat das Kreiseziehen auf Sie?
„Kreise ziehen“ ist ein vieldeutiger Begriff, den ich mit Absicht verwende. Landläufig sagt man „man zieht seine Kreise“ und meint damit „man geht seinen Weg und hinterlässt Spuren“. Das trifft auch auf die TARGETs und andere spontane Erlebnisse zu. Als es kürzlich schneite, bin ich – von kindlichem Übermut getrieben– mit dem Auto auf meinen Ateliervorplatz gefahren, habe also meine Kreise gezogen. Dann habe ich aus dem Fenster des 1. Stockwerks das Ergebnis entdeckt, fotografiert und in die sozialen Netzwerke weitergereicht und damit meine eigene Begeisterung geteilt. Es ist immer wieder überraschend, neu und anders, was auf diesem Weg sichtbar wird.

Die TARGETS erzeugen rotierende Bewegungen im Auge des Betrachters. Irritieren Sie bewusst den Betrachter mit der flirrenden psychedelischen Wirkung?
Eine besondere Wirkung ist immer da. Dies muss der Künstler zur Kenntnis nehmen. In den 60er Jahren als die Op-Art entstand, konnten Künstler erkennen, dass eine Wirkung entsteht, die den Betrachter auf ganz besondere Weise herausfordert, irritiert, Fragen aufwirft oder emotional etwas auslöst, was andere Kunstwerke zuvor nicht geschafft haben.
Ich habe mich im letzten Jahr sehr über die Kritik eines Redakteurs hinsichtlich einer Ausstellung in Mannheim gefreut, der meinte, die TARGETS lösen im Vergleich zu den nebenan platzierten, „harmonischen Werken“ Schwindel aus. Das fand ich angemessen und positiv. Harmonie kann jeder, aber gute Kunst muss bisweilen auch schwindelig machen.
TARGET bedeutet ja „Ziel“ oder „Zielscheiben“. Kunsthistorisch betrachtet, gibt es eine lange Reihe von Zielscheiben-Bildern, z.B. Jasper Jones, Kenneth Noland, Eva Hesse oder Günther Uecker mit seinen Sandmühlen. Ich glaube, die Herausforderung eines Künstlers, diese Art von Kunst zu erstellen, ist, dass ein Betrachter in sich keine Entsprechung für eine Zielscheibe hat. Das heißt, wenn ein Science Fiction Filmemacher sich ein materielles Gebilde ausdenken möchte, um Phänomene wie z.B. „beamen“ oder „Timetunnel“ zu verdeutlichen, bedient er sich der Zielscheibenform. Oder im Dschungelbuch, wenn Mogli im Baum sitzt und beim Blick in die Augen der Schlange hypnotisiert wird. Wir haben offenbar keine Entsprechung, um diesem Muster zu begegnen, wir wissen nicht, wie wir darauf reagieren sollen. Zielscheiben haben anthropologisch im menschlichen Leben also keine Rolle gespielt. So lassen wir beim Betrachten immer wieder neu eine Konfrontation zu.

Die Wirkung selbst ist für mich dennoch nicht die Hauptmotivation. Die Presse feiert mich lediglich gelegentlich für diesen Effekt. Es ist jedoch purer Zufall, dass die Renaissance der Op-Art und meine Kunst zeitlich zusammentreffen und in Zusammenhang gebracht werden.

Wie befestigen Sie Werke wie “TARGET/WALL” und "TARGET/GROUND"?
Einzelne meiner Arbeiten sind autark. Ein einzelnes Element von TARGET/WALL ist in sich fest und verklebt. An der Wand wird es dann in eine verankerte Aluminiumwelle eingehängt, der Kreis liegt nur auf einem Punkt auf und „schwebt“ scheinbar.

Wie schwer/leicht ist eines der Werke? Und wie hoch ist der bezifferte Wert?
Da ich die TARGETs immer in unterschiedlichen Größen erstelle, je nach Ausstellungsfläche, ist das natürlich unterschiedlich. Je größer die Installation wird, desto immens schwerer wird sie selbstverständlich. Für TARGET/GROUND auf der art KARLSRUHE zum Beispiel habe ich etwa 4km Laminierbandmaterial verarbeitet. Die Installation ist etwa 100kg schwer und wird auf dem Kunstmarkt mit etwa 30.000 EUR bemessen.  Die Wandarbeiten sind je nach Formation etwa 70-80kg schwer und werden mit dem gleichen Preis gehandelt. Im Vergleich dazu: Für die Arbeit TARGET/GROUND, die ich 2018 im Kunstverein Mannheim ausgestellt hatte, benötigte ich bei einem Durchmesser von 500cm etwa 20km Material.

Beschäftigen Sie sich gleichzeitig auch mit anderen Materialien und Kunstwerken oder konzentrieren Sie sich momentan hauptsächlich auf das Kreiseziehen, mit PVC und Alubändern?
Meine Arbeitsweise verläuft nicht linear, sondern parallel. Die Bucharbeiten, die Popplanet-, JUKEBOX oder TARGET-Reihen entstehen immer gleichzeitig. Es ist nie eine reine Abarbeitung der vorherigen Ideen, sondern es ist immer ein paralleler Entstehungsprozess der Werkreihen. Eine große Spannung entsteht, wenn das Werk erst in der Ausstellung selbst entsteht, so wie bei der art KARLSRUHE. Sicher ist: Die fertigen Arbeiten bremsen keinesfalls den Elan der neuen Arbeiten (lacht).

Das Foto zeigt Jürgen Paas mit Andreas Stucken am ARTIMA Messestand auf der art KARLSRUHE 2019. 


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