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Kunstszene

Atelierbesuche in der Metropolregion

Bilder im Kopf: Das Geschichtenuniversum der Ana Laibach

Das Kunstschaffen der in Mannheim lebenden Künstlerin Ana Laibach kann vielseitiger, kurioser, kreativer und mitreißender nicht sein. Jeder, der ihre ganz eigene Welt betritt, wird hineingezogen in ein einzigartiges wild-phantastisches Figuren- und Formenmeer, das mal sanft wogt und mal gehörig Wellen schlägt. Das Interview ist ein Versuch ihrer Bildsprache ein Stück näher zu kommen und zu vermitteln, dass sich Bewunderung für ihre Arbeiten von ganz alleine einstellen muss.

© Uli Weise und Michaela Frieß (kunstblog-mannheim.de)

ARTIMA:
Viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler hat die Corona-Krise schwer getroffen. Wie geht es Dir damit?
Laibach:
Anfangs war es ein Gefühl der Ruhe vor dem Sturm. Heute bin ich unruhig, denn es ist klar, dass die Pandemie weltweit existentielle Fragen aufwirft, und das nicht nur für uns Kulturschaffende. Sicher ist und bleibt uns wohl die Unsicherheit.

ARTIMA:
Und wie schlägt sich die weltweite Corona-Krise in Deiner aktuellen Arbeit nieder?
Laibach:
Ich habe einige Selbstporträts gemalt, auf denen ich eine Maske trage, darunter auch eines als Dr. Matten. Ich konnte so in gewisser Weise meine „Mund- und Ideenlosigkeit“ festhalten, der ich während des Shutdowns ausgesetzt war. Andererseits ist es auch als ein Statement zu verstehen. Für mich ist das Maskentragen keine Freiheitsbeschränkung, sondern ich betrachte es als meine gesellschaftliche Verantwortung.

ARTIMA:
In diesem Selbstporträt trägst Du einen Mundschutz mit Revolver? Hat das ein konkrete Bedeutung?
Laibach:
Es hört sich vielleicht schräg an, aber meine Revolvermaske trage ich sehr gerne, wenn ich in die Bank gehe. Ich übe für schlechte Zeiten. Ich habe auch eine Gurken-Maske, die trage ich, wenn ich etwas frischer aussehen möchte. Sie steht für das Gefühl, in dieser Sauren-Gurken-Zeit zu leben. Es ist aber auch ein Zeitdokument. Bestimmte Ereignisse, Stimmungen werden archiviert, so auch die Zeit des Shutdowns und die Veränderungen, die Corona für uns alle mit sich bringt.

ARTIMA:
Dein Werksspektrum ist enorm. Du malst, zeichnest, arbeitest keramisch, schaffst Monotypien, Videoperformances. Du entwickelst Themen in schwarz-weiß genauso leidenschaftlich wie in Farbe. Deine Acrylarbeiten strotzen nur so vor Kraft und Energie. Dann wieder laminierst und kommentierst Du tote Insekten auf pastellrosa Papier oder zeichnest Figuren entweder reduziert auf ihre Umrisse oder ganz plastisch über Hell-Dunkel-Kontraste und Auflösung der Umrisse. Woher kommt diese Vielfalt?
Laibach:
Die Vielfalt entsteht durch die Frage: Was ist? Da diese kurze Frage aber so vielschichtig ist, verlangt jede Antwort auch ein passendes Medium. Früher habe ich hauptsächlich gemalt. Heute beschränke ich mich eben nicht mehr nur auf die Malerei, weil viele verschiedene Anlässe oder Ereignisse eben auch verschiedene geistige Prozesse auslösen und nach unterschiedlichen Ausdrucksformen verlangen.

ARTIMA:
Kann man also sagen, Deine Kunst ist vor allem emotional, denn technisch und konzeptionell?                 
Laibach:
Es geht mir weitestgehend um eine Transformation von Zuständen, die mich emotional wie auch rational beschäftigen. Und da fließt natürlich auch mein Menschsein mit all seinen Makeln und Mängeln mit hinein, die Unvollkommenheit, die Dummheit, ja, auch die Idiotin in mir.

ARTIMA:
Idealisierung ist Dir fremd?                                                                                                                                       Laibach:
Wenn Idealisierung gleichzusetzen ist mit der Erfüllung von Erwartungen, dann ist mir das nicht fremd, aber fern meiner Interessen.

ARTIMA:
Und die Themen, die Dich emotional berühren, welche sind das, denn in Deinen Arbeiten ist ja durchaus der Blick auf politische und gesellschaftliche Ereignisse zu erkennen?
Laibach:
Ich selber sehe mich als Beobachterin, denn Menschen irritieren mich oft in ihrem Denken und Handeln. Mich interessiert das Verständnis zwischen den Menschen und mir, Alltagsthemen wie Politik, gesellschaftliche Ereignisse, die Vergangenheit, kurz gesagt, der Mensch in seiner ganzen Bandbreite. Bei der Verständigungs-Suche hilft mir die Spelunkenbande, die ich in den Radiotagebüchern morgendlich zeichne. Sie dienen mir als Stellvertreter des politischen und alltäglichen Geschehens.   

ARTIMA:
Du arbeitest häufig seriell, entwickelst Ideen ausdauernd weiter, wie den Plot einer Fernseh-Serie. Auch hierfür ist Deine Spelunkenbande aus den eben erwähnten Radiotagebüchern ein gutes Beispiel: Die Protagonisten bestehen aus einer großen Sammlung von Stofftieren und Puppen, die Du täglich neu arrangierst, zeichnest und diese Gruppe dann Nachrichten des Tages kommentieren lässt.  Wie politisch bis Du bzw. wie politisch ist Deine Kunst
Laibach:
Politik ist ein Konstrukt des gesellschaftlichen Miteinander, das ich schwer durchschaue, das aber elementar ist. Ich bin froh, dass die Spelunkenbande mich diesbezüglich auf dem Laufenden hält.

ARTIMA:
Und wie moralisch ist Deine Kunst?
Laibach:
Natürlich habe ich meine Moral- und Wertevorstellungen, die sich nicht zwingend mit denen anderer decken. Die gesellschaftlichen Verhaltenkodexe, die ja mit der Moral verknüpft sind, in Frage zu stellen, ist, wenn meine Kunst moralisch ist, von eigentlichem Interesse. In Arbeiten wie „Komm lass uns Krieg machen, aber nur kitzeln,…“ oder in „Schießen lernen – Freunde treffen“ ist abzulesen, wie moralisch meine Kunst ist.

ARTIMA:
Wie bei Rollenspielen, die man als Kind exzessiv auslebt, als Erwachsener aber ablegt oder gar verliert. Hast Du Dir das bewahrt oder als Erwachsene mühsam zurückgeholt?
Laibach:
Wäre ich mutig und gewieft, wäre ich gerne die Hofnärrin. So höre ich bloß gern Geschichten und erzähle mir selber auch gerne welche. Die täglichen Nachrichten geben genügend Impulse dazu. Wenn ich selber über meine Geschichten lachen und oft auch weinen kann, empfinde ich sie als gelungen.

ARTIMA:
Eine besonders tiefgründige Arbeit ist ein Schachspiel aus glasierter Keramik. Die weißen Spielfiguren stellen lebende Figuren dar und die schwarzen spiegeln diese in ihrem Tod. Das ist wie ein ernüchternder Blick in die Zukunft bzw. auf das eigene Ende, das auf jeden wartet. Dieser Dualismus Schwarz und Weiß, Leben und Tod, Licht und Dunkelheit wird entschärft durch eine Verspieltheit im Ausdruck, manieriert und grotesk zugleich. Gibt es hierfür vielleicht ein Vorbild, z.B. Dein Lehrer Max Kaminsiki, bei dem Du in Karlsruhe Meisterschülerin warst?

Laibach:
Das Thema Leben und Tod ist ein Thema, das mich schon seit meiner Kindheit beschäftigt, da ich in einem Altenheim aufgewachsen bin. Kaminski hat sich viel und intensiv mit dem Thema Vergänglichkeit auseinandergesetzt. Ich kann aber nicht sagen, dass dies Einfluss auf meine künstlerische Entwicklung genommen hat. Ein Leitsatz von ihm begleitetet mich jedoch stets: „Wer schläft oder malt, sündigt nicht.“ Ja, und ich habe von ihm gelernt, dass Kunstschaffen nicht ohne Disziplin funktioniert.

ARTIMA:
Wir müssen noch unbedingt auf Deine Bildtitel zu sprechen kommen. Es klang ja schon in einigen Fragen an: Die Titel Deiner Arbeiten stehen beinahe für sich allein. Da heißt es zum Beispiel „Schießen lernen, Freunde treffen“ oder „Komm lass uns Krieg machen, aber nur kitzeln“ und „Schön, dass ich nicht tot bin“. Es sind virtuose, hakenschlagende Sätze, so als müsse der Leser bzw. Betrachter immer durch mehrere Türen gehen, um die Essenz zu begreifen, richtig?
Laibach:
Die Titel haben durchaus eine gewisse Eigenständigkeit und können auch als Zitate verstanden werden. Es ist aber nicht meine Absicht, es den Betrachtenden besonders schwer zu machen. Ich suche in der Arbeit vielmehr nach einer Kernaussage, die ich im Titel festhalte. Der Titel ist eine Definition, die eine Arbeit ausmacht.

ARTIMA:
Im vergangenen Sommer hast Du Mannheimer Landschaften  – häufig aus der Vogelperspektive – gemalt. Man kann schon sagen ein Genre, das Dich erst spät begonnen hat zu begeistern? Wie kam es dazu?
Laibach:
Zu der Freiluftmalerei inspirierte mich mein Mann Ingo Lehnhof. Er hat mit seinen Arbeiten meine Sehnsucht nach dem Draußen-Sein geweckt. Ja, und auch in die Ferne zu schauen. So entstand die Idee, vom Mannheimer Fernmeldeturm aus zu malen, ähnlich wie Klaus Fußmann, der auf diese Weise Berlin von oben gemalt hat. Diese Art der Freiluftmalerei ist für mich auch eine Annäherung an die Realität. Es ist vergleichbar mit Aktmalerei. Man hat das Modell unmittelbar vor Augen – bei der Plenairmalerei ändern sich die Lichtverhältnisse schnell und auch ein Aktmodell bleibt nur für eine gewisse Zeit in einer Pose, was die eigentliche Herausforderung ist. Der Faktor Zeit spielt folglich eine wesentliche Rolle.

ARTIMA:
Dennoch, die Landschaften passen so gar nicht zu Deinen restlichen Arbeiten.
Laibach:
Das stimmt nur zum Teil. Bei der Porträt- oder Landschaftsmalerei liegt etwas Konkretes, ja Reales vor meinen Augen, wohingegen bei den freien Arbeiten der Prozess elementar ist, und zwar das, was sich vor meinen inneren Augen entwickelt. In anderen Werkreihen wiederum tritt die Idee und das Konzept in den Vordergrund. Mein Beruf erlaubt es mir freie Wege zu gehen, da ist mir auch Laibach-Untypisches willkommen. Solche Irritationen sind doch Spracherweiterungen im künstlerischen Kontext.

ARTIMA:
Vielen Dank für das Gespräch – mit der letzten Frage:  Wann und wo ist Deine nächste Ausstellung?
Laibach:
Noch bis zum 21. September läuft im Kunstverein Worms die Ausstellung „Wir kriegen alles hin“. Nächstes Jahr bin ich in der Galerie M. in Landau vertreten und in der Torhaus-Galerie Braunschweig zusammen mit vier Freund*innen.


Das Interview führte Michaela Frieß

 

Dies ist ein erstes Interview aus der Reihe "Atelierbesuche in der Metropolregion Rhein-Neckar". Wir freuen uns, Ihnen zukünftig weitere Künstlerinnen und Künstler aus der Region vorstellen zu dürfen. Als nächstes besuchen wir einen Künstler in seinem Heidelberger Atelier.  Auf unserer ARTIMA-facebook-Fanpage werden Sie als Follower immer über den neuesten Artikel informiert.  #atelierbesuche
 


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