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Kunstszene

Atelierbesuche in der Metropolregion

Im Rausch der Farbschichten - Farbfeldmaler Arvid Boecker im ARTIMA-Interview

Farbklänge, Prozesshaftigkeit, Veränderung und Struktur bedeuten Arvid Boecker sehr viel. Was das genau bedeutet, erfahren Sie im ARTIMA-Interview.

Arvid Boecker mit seinen aktuellen Arbeiten im Heidelberger Atelier. Foto: Mannheimer Versicherung AG

 

„Wie schön!“, entfährt es mir, als Arvid Boecker mir   das metallische Hoftor öffnet. Er führt mich in   Heidelberg-Rohrbach durch einen kleinen Garten mit   Sitzmöglichkeit zu seinem dort beheimateten Atelier.   Es ist ein sonniger Frühherbst-Nachmittag und das   Licht im Garten könnte nicht schöner sein.

Der sympathische Künstler erkannte bereits früh sein  Interesse an Kunst: Kunstwerke sammeln, selbst erstellen und hinter die Geheimnisse des Kunstbetriebes schauen hat ihn schon mit 17 Jahren interessiert. Aus dem Interesse wurde eine erfolgreiche, wenn auch nicht einfache, Berufung. Zur Zeit bedeuten ihm Farbklänge, Prozesshaftigkeit, Veränderung und Struktur sehr viel. Anhand seiner aktuellen Werke sprachen wir mit ihm über genau diese und weitere Themen.

Was waren die ersten, die entscheidenden Impulse für Sie, Bilder zu malen?
Mit 17 Jahren habe ich auf der art Cologne eine monochrom schwarze Arbeit gesehen, das hat mich ziemlich fasziniert. Ich wollte diese nacharbeiten, auch so ein Werk haben. Dann habe ich etwa ein Jahr lang versucht, die Arbeit nachzuempfinden. Ich habe jedoch meine Vorstellung davon, wie die Arbeit sein soll, einfach nicht hinbekommen. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ein Lebensentwurf wie dieser zu mir passen könnte und ich Kunst studieren will. Damals sammelte ich bereits Kunst, weil ich Kunstwerke im Original besitzen wollte.

Spielte Kunst oder das Sammeln von Kunst in Ihrem Elternhaus eine Rolle?
Meine Eltern waren eher Theater und Literatur interessiert, meine Großeltern haben ein bisschen gesammelt. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine schöne Arbeit von Otto Piene.

Viele Künstler haben Schwierigkeiten, von Ihrer Kunst zu leben. Woher nahmen Sie den Mut, sich trotzdem für ein Leben als freiberuflicher Künstler zu entscheiden?
Schon damals hatte ich gehört, dass nur ca. 3 % der Hochschulabsolventen von ihrer Kunst leben können. Natürlich kannte ich auch selbst Künstler, bei denen dies nicht der Fall war und die aufgegeben haben. Seitdem haben mich die Strukturen des Kunstbetriebs interessiert, die Geschichten, wie Künstlerkarrieren aufgebaut werden und ich glaubte einfach daran, davon leben zu können. Nichts ist Zufall. Also habe ich alles darangesetzt.

An der Kunsthochschule habe ich das ASTA Referat für Öffentlichkeit und die Zeitschrift der HBK gegründet und bis zum Ende des Studiums geleitet. Mein Studium habe ich mit Auszeichnung abgeschlossen, daraufhin wurde ich vom Senat der HBK für einen Preis für Absolventen der Deutschen Kunsthochschulen vorgeschlagen. Ich habe den ersten Platz gemacht, 20.000.- DM sowie eine Einzelausstellung mit Katalog dafür erhalten. Das Magazin „art“ wurde daraufhin auf mich aufmerksam und veröffentlichte einen einseitigen Artikel über meine Arbeit. Danach haben mich zwei Galerien unter Vertrag genommen und meine Arbeiten in Köln und Frankfurt auf den Messen gezeigt. (Kunstmessen art Cologne und art Frankfurt).Es gab etwa 15 weitere Ausstellungs-Angebote. Zu der Zeit lebte ich schon in London, ich hatte ein einjähriges Atelier Stipendium von ACME Studios London. Soweit lief es also und ich dachte: Wenn ich gut genug bin, muss ich die Zeit und Energie nicht in einen Brotberuf stecken, um gut über die Runden zu kommen.
Dennoch ist es nicht einfach, besonders, wenn man in keiner großen Kunstmetropole lebt. Freunde aus London erzählen mir manchmal, sie haben den Galeristen XY in der Bar kennengelernt. Gute Kontakte ergeben sich in solchen Städten oft zufällig. In einer Stadt wie Heidelberg muss man aktiver sein und mehr auf sich aufmerksam machen.

Welche Themen sind zentral in ihren Werken? Und woran arbeiten Sie aktuell?
Mich interessieren in der Malerei die Fragen: Wie entsteht ein Bild, welche Möglichkeiten geben mir Farben und Material? Seit 2014 habe ich immer den gleichen Versuchsaufbau: Eine Leinwand im Format 50x40x5,5cm mit einer vertikalen Linie in der Mitte, die die Farbflächen voneinander trennt.

Wir stehen hier vor Ihren aktuellen Werken. Können Sie an diesen Beispielen beschreiben, welche Prozesse Sie durchlaufen, wenn Sie ein Kunstwerk malen?
Mein Leinwandformat betrachte ich mit seiner Tiefe von 5,5cm eigentlich als Objekt, nicht als flache Leinwand. Zuerst ziehe ich eine vertikale Linie. Diese verleiht dem Bild eine minimale Ordnung, die ich brauche. Meist male ich an mehreren Bildern gleichzeitig. Das können bis zu zehn sein.
Das kleine Format beginne ich in der Regel mit einem Farbklang, den ich von einem vorherigen Bild im Kopf habe und dann setze ich mehrere Schichten Farbe immer übereinander, übermale immer wieder, bis das Bild fertig ist. Am Ende können es bis zu 40 Schichten Farbe sein.

Das Prozesshafte in der Entstehung der Kunstwerke scheint also bei Ihrer Arbeit eine ganz entscheidende Rolle zu spielen? Was treibt diesen Prozess an, was löst ihn aus?
Spannend wird malen, wenn ich mich in einem Zustand befinde, der ein Bild ist. Ich sage eigentlich nicht, dass ein Bild fertig ist, das hat so etwas Absolutes, das passt nicht für meine Malerei. Ich rede davon, dass ein Bild einen Zustand hat, der mich interessiert und den ich halten möchte. In der Regel habe ich einen Zustand, den man als fertiges Bild bezeichnen könnte, nach etwa 7-10 Übermalungen. Dann wird malen spannend, kleine Veränderungen des Bildgefüges verändern die Erscheinung des Bildes. Es wird auch brisanter, weil die Arbeit im nächsten Moment abgeschlossen sein kann. Und oft ist es ganz klar, wenn ich einen Bildzustand habe, den ich behalten will. Also wenn das Bild „fertig“ ist. Das ist es, was mich bei der Arbeit hält. Da liegt ein gewisser Zauber drin. Und auch nach fast 40 Jahren kann ich es mir immer noch nicht erklären. Ich versuche immer, einen neuen Weg zu finden, etwas zu machen was ich noch nie gemacht habe und etwas zu sehen, was ich noch nie gesehen habe. Wenn ich wirklich im Malen bin, sehe ich Farben anders. 

Was meinen Sie genau damit, Sie sehen Farben „anders“?
Ich weiß nicht, ob ich das wirklich erklären kann. Farben werden mir klarer, als ob ich die Farbabstufungen deutlicher voneinander trennen könnte. Ich denke, es ist ein Zustand von Konzentration. Malen ist dann anders, weil ich eine genauere Vorstellung davon habe, welche Farben das Bild jetzt braucht.

Weshalb arbeiten Sie seit fünf Jahren an dem gleichen Format mit gleicher Aufteilung?
Dass ich über fünf Jahre am gleichen Format arbeiten würden, hatte ich nicht geplant. Aber mir gefällt es, weil bei diesem kleinen Format spontanes Arbeiten besser als beim Großformat möglich ist und ich es auch aus der Nähe überblicken kann. Beim Großformat muss ich immer wieder zurücktreten, um das Bild betrachten zu können.
Eigentlich sind diese Arbeiten Studien, malerische Probleme, die ich klären möchte. Es sind Überlegungen, die der Frage nachgehen: Welche Möglichkeiten habe ich, ein Bild zu erzeugen? Es ist eine Studienreihe, weshalb ich immer das gleiche Format, die gleiche Aufteilung nutze. Es geht mir immer darum, die Grenzen zwischen zwei Farben auszuloten und innerhalb dieser Strukturen größtmögliche malerische Freiheit zu haben.

Warum halten Sie an der vertikalen Linie fest und wechseln nicht (mehr) zur horizontalen?
Eine horizontale Linie erinnert Menschen an Urlaub/Landschaft/Meer. Unweigerlich entstehen Assoziationen im Kopf. Ich möchte aber, dass man sein Augenmerk auf die Farbe und die Malerei legt und nicht interpretiert. Ich mag es lieber pur.
Die Einteilung nehme ich vor, weil ich beim Malen eine Ordnung brauche, eine Struktur, damit es nicht zu beliebig wird. Früher habe ich auf großen Leinwänden in mehreren Quadraten gemalt. Die großen Leinwände mit bis zu 45 Flächen haben mich irgendwann überfordert. Deshalb ist jetzt die Linie in der Mitte passend. Keine Waagerechte, keine Diagonale, nicht leicht versetzt, wie ich es auch schon mal ausprobiert habe. Jetzt ist diese Reihe dran, morgen ist sie vielleicht zu Ende. Und wenn sie vorbei ist, dann kommt etwas Neues.Und gleichzeitig passiert auch innerhalb der Bilderreihe immer etwas Neues, manchmal Überraschendes. Ich sehe etwas Neues und das hält mich bei der Malerei.

Einige Elemente wiederholen sich in manchen Bildern. Ist dies Zufall oder gehören diese Bilder zusammen?
Das ist richtig. Es gibt immer wieder Ähnlichkeiten und Verbindungen bei benachbarten Bildern. Ich nummeriere meine Bilder. Im Jahr 2000 habe ich mit #1 begonnen, Arbeiten zu nummerieren. 2014 habe ich mit #1000 die erste Arbeit im Format 50x40x5,5 gemalt. So kann ich feststellen, welche Bilder zusammengehören, welche Schleifen ich im Arbeitsprozess gedreht habe. Ich kann rückblickend erkennen, was mich zu diesem Zeitpunkt beschäftigt hat, was unausgesprochen war. Ich behalte gerne aus jeder Reihe eine Arbeit, damit ich das Original noch zum Anschauen habe.

Bringt Sie jede Veränderung weiter oder denken Sie manchmal: Ein Arbeitsschritt vorher war es besser?
Ja, es passiert, dass ich etwas übermale und denke: „Eigentlich war es gut vorher.“ Dann ist es aber zu spät. Dieser Prozess ist sehr spannend. Manchmal bin ich mutig, übermale Sachen, die schon gut sind, manchmal bin ich zögerlich, male den ganzen Tag und es ist abends nicht besser als morgens. Dann höre ich für den Tag auf zu malen.

Der Fotograf SteveMcCurry formulierte einmal: „Die Fotografie ist eine einsame Kunst.“ Empfinden Sie das Malen auch als einsame Kunst?
Malen erfordert eine große Ruhe, ich kann am besten arbeiten, wenn ich Abstand zur Welt und keine Verpflichtungen oder Termine habe. Als einsam empfinde ich meine Arbeit nicht, ich mache etwa 15 Ausstellungen im Jahr, leite seit fünf Jahren einen Kunstraum und kuratiere auch andere Ausstellungen. So bin ich bin viel im Kontakt mit anderen Menschen.

Sie leben in Heidelberg. Inwiefern bereichern Ihr Wohnort und das Umfeld Ihren gestalterischen Ausdruck?Ich habe in Saarbrücken studiert, darauf ein Jahr in London gelebt, dann ein Jahr in Katwijk aan Zee, direkt am Meer) bevor ich hier nach Heidelberg zog. Wie schon anfangs gesagt, ist es in Heidelberg wesentlich schwieriger als in einer Kunstmetropole wie London, zufällig Kontakte zu wichtigen Menschen zu knüpfen, die einen weiterbringen. Aber: Meine beiden Ateliers in Heidelberg und Frankfurt ergänzen sich ideal, ich empfinde meine Arbeitsbedingungen als sehr gut. Gerade das Atelier in Frankfurt - das größte Atelierhaus in Europa- mit 200 Künstlern hält eine ganz andere Atmosphäre bereit als mein kleines in Heidelberg. Bei Tagen wie den „Open Studios“ kommen bis zu 8.000 Besucher. Da ist einiges los. Ich habe aber auch schon in anderen Orten gearbeitet. Letztes Jahr war ich zum Beispiel als Artist in Residence in Paris und habe meine Studien fortgeführt. Das war eine große Bereicherung.

Was haben Sie sich für dieses Jahr noch vorgenommen?
Ich bin bei der Eröffnungs-Ausstellung einer Galerie in Reims dabei. Dann eine Ausstellung mit dem Baden-Württembergischen Künstlerbund in Berlin und Gruppenausstellungen im Forum Kunst Rottweil und in der Galerie Kunstkontor Nürnberg. Im Oktober folgt eine Ausstellung in einem Heidelberger Unternehmen und im November (22. November 2020 – 24. Januar 2021) stelle ich in der Heidelberger Galerie Marianne Heller aus. Im Dezember bin ich voraussichtlich als Artist in Residence bei PADA Studios in Lissabon. 

Angenommen, Geld spielt keine Rolle und die Corona-Pandemie ist weltweit überstanden. Wo würden Sie Ihre Kunst gerne einmal ausstellen?
Bei guten Institutionen spielt Geld in der Regel keine Rolle. Wenn ich mir etwas aussuchen könnte, dann wären das die Galerien Hauser & Wirth, David Zwirner, White Cube und Gagosian.


Arvid Boeckers Tipps für Nachwuchskünstler:

Bau Dir ein gutes Netzwerk auf
Ziehe in eine Kunstmetropole

 

Herzlichen Dank für diese bereichernde Unterhaltung!

 

Das Interview führte Isabelle

 


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