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Kunstszene

Kann Schrott Kunst?

DASWEISSEGOLDVONWAGHÄUSEL: Jens Grundschock´s neuestes Werk lädt ein zu Einblick, Durchblick, Ausblick

Jens Grundschock hat die Diskussionen hautnah miterlebt: Bewahren oder Abreißen? Der Künstler aus Waghäusel hat sich auf großformatige Skulpturen, Malerei und Lichtinstallationen spezialisiert und vieles davon bereits im In- und Ausland präsentiert. Egal, zu welcher Entscheidung es gekommen wäre, er hätte genug Ideen gehabt, sie ins rechte Licht zu rücken. Sie? Gemeint sind die Silos der ehemaligen Zuckerfabrik Waghäusels. Seine aktuelle Arbeit trägt den Titel„DASWEISSEGOLDVONWAGHÄUSEL“. Was konkret dahintersteckt und welche Gefühle er beim Beobachten der Abrissbirne hatte, erzählte er uns im ARTIMA-Interview.

Jens Grundschock arbeitet derzeit noch an der Fertigstellung seiner Objektkunst "DASWEISSEGOLDVONWAGHÄUSEL" (Fotos: Copyright Jens Grundschock - VG Bild Kunst)

Dass im baden-württembergischen Waghäusel fast 160 Jahre lang ein barockes Schloss und eine der größten Zuckerfabriken Deutschlands direkt nebeneinanderlagen (Fotos), wussten schätzungsweise nur wenige Auswärtige. Die ehemalige „Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation“ diente 158 Jahre lang vielen Bewohnern der Region als Arbeitgeber, das ehemalige Jagd- und Lustschloss von Damian Hugo Philipp von Schönborn als Büro- und Wohngebäude der Verwaltungsangestellten. 1995 wurde die Zuckerfabrik Waghäusel geschlossen. Zwei Jahre später kaufte die Stadt Waghäusel das gesamte Areal, inklusive dem Schloss „Eremitage”, zum symbolischen Preis von 1 Deutsche Mark und entschied in 2008, das Fabrikgelände abzureißen. Einzig die beiden knapp 60m hohen Silos blieben stehen und waren zehn Jahre lange Grund für hitzige Diskussionen in der Bevölkerung. Während die einen sie als Waghäusels Wahrzeichen der Historie unbedingt bewahren wollten, konnte für andere der Abriss nicht schnell genug kommen. Nachdem kein Investor gefunden wurde, erfolgte 2020 tatsächlich der Abriss. Der Waghäuseler Künstler Jens Grundstock arbeitet derzeit an einem Kunstwerk aus Siloüberbleibseln.


ARTIMA: Die Zuckersilos dienten seit den 1970er Jahren als Lagerstätten für Zucker der Südzucker AG. Sie waren zeitlebens Grund für kontroverse Auseinandersetzungen. Die einen wollten sie sofort abreißen, die anderen unbedingt bewahren. Was verbindet Sie persönlich mit den Zuckersilos?
JG: Mit den Zuckersilos verbindet mich eine knapp 12 Jahre alte Geschichte. 2008 habe ich bereits den Abriss der ersten Gebäude der ehemaligen Zuckerfabrik mitbekommen und dadurch ein Arbeits-Sujet für mich entdeckt. Beim Abriss gab es diese stählernen Doppel-T-Träger, die die Fabrikgebäude gehalten haben. Diese ragten aus dem Boden heraus und waren durch die Kraft der Abrissmaschinen verdreht. Das fand ich faszinierend, habe angefangen, diese zu malen und aus Holz nachzuarbeiten. Im Anschluss fand ich dann die zwei übrig gebliebenen Silos recht spannend, weil sie eine große Projektionsfläche geboten haben. Sie waren jeweils ca. 55 m hoch. Diese haben das Bild Waghäusels absolut dominiert. Jetzt wo sie weg sind, erhält das Barockschlösschen, also die „Eremitage“ aus dem 17. Jahrhundert, eine ganz neue Größe und fällt richtig ins Auge. Die Dimensionen verschieben sich jetzt sehr. Im Vergleich zu den Silos wirkte das Schlösschen vorher winzig. Und jetzt wirkt es richtig mächtig.

Foto: "Eremitage Waghäusel" (Shutterstock 785201050)

Foto: "Eremitage Waghäusel" (Shutterstock 785201050)

Warum möchten Sie ein Stück Zuckersilo-Geschichte bewahren?
Ich möchte ein Stück von den Silos bewahren und eine Möglichkeit zur Reflektion bieten. Die Silos waren sehr prägnant für die ganze Gegend. Durch die Zuckerfabrik kam der Wirtschaftsaufschwung hier zustande. Es war mal eine sehr ärmliche Stadt/Region. Die Fabrik hat vielen Menschen ein (Zusatz-)Einkommen ermöglicht: Die Bauern konnten ihre Zuckerrüben anbauen und verkaufen, das Torf im Moor wurde als Brennmaterial abgebaut. Fuhrleute haben ihre Waren vom Rhein bis zur Fabrik transportiert, Restaurierungsbetriebe erhielten Aufträge zur Reparatur von Fabrikmaterialien... Sie sehen, mit den Silos ist eine Riesengeschichte verbunden. Mein Anliegen war letztes Jahr, bevor der Abriss der Silos ganz feststand, eine Lichtinstallation an den Silos ins Leben zu rufen. Ich habe das mal in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei tatsächlichem Nebel mit Scheinwerfern ausprobiert. Daraus sind ein paar interessante Bilder entstanden. Dies wollte ich dann als Idee weiterführen. Der Silo Unterbau war ja rund und aus Beton. Also dachte ich: „Im Inneren muss ja eine irre Akustik herrschen.“ Anfang des Jahres bestand die Idee darin, mit der hiesigen Musikschule eine Licht-Sound-Installation im Inneren zu machen. Doch dann kam die Pandemie und kurze Zeit später auch die Entscheidung zum endgültigen Abriss. Ich habe kurze Zeit später mit der beauftragten Firma geklärt, ob ich den Abriss fotodokumentarisch unter künstlerischen Aspekten begleiten darf. Dem wurde zugestimmt und das Projekt insgesamt positiv aufgenommen. Mein Archiv ist nun mit rund 8.000 Bildern bestückt  ̶  vom Aufstellen des ersten Baucontainers bis jetzt zur vollständigen Entfernung der Silos.

Welche Gefühle hatten Sie, als der erste Donnerknall der Abrissbirne in Ihren Ohren klang? Freude, Trauer, Melancholie?
Es war ganz anders, nämlich WOW! Als der Abrissbagger zum ersten Mal die Birne nach oben fuhr, war ich dabei und habe den allerersten Schlag, den er probeweise gegen die Mauer führte, als kleines Video gefilmt. Dadurch, dass die Silos innen hohl waren, gab es einen unheimlich lauten Schlag und Hall, dumpf aber unglaublich laut. Das war einfach nur WOW! Ansonsten waren es gemischte Gefühle. Wahnsinn, wie stabil die Außenhaut auch nach so vielen Jahren noch war und wie präzise der Baggerführer mit dieser Abrissbirne umging, das war sehr erstaunlich. Er hat ja keine Kamera und sieht von seinem Führerhaus nicht, wohin er die Birne geführt hat. Das kann nur ein Mensch mit ganz viel Erfahrung und Wissen auf diesem Gebiet so leisten.

Arbeiten mehrere Künstler an einem Kunstwerk, das an das Wahrzeichen erinnern soll oder sind Sie der Einzige? Wie kam es dazu, dass Sie nach den jahrelangen Diskussionen um den Erhalt oder den Abriss den Zuschlag bekamen?
Das ist eine Idee, die ich entwickelt und dem Kulturamt vorgetragen habe. Ursprünglich war etwas Anderes angedacht, in einer anderen Form. Als dann aber der Eisenschrott zusammengekehrt war, ging es darum, sehr schnell zu entscheiden, welche Teile ich für dieses Projekt sichern kann und bin dann auf den Rahmen gestoßen. Ich fand ihn sehr spannenden deformiert. Spannend deshalb, weil ein Rahmen Einblicke, Durchblicke und Ausblicke zugleich bietet. Und durch die goldene Farbe passt er auch genau zum Schloss.


 

An welchem Punkt stehen Sie derzeit?
DASWEISSEGOLDVON WAGHÄUSEL“, so der Name meiner Objektkunst, ist derzeit noch nicht fertiggestellt. Ich habe zunächst den Stahlrahmen sandstrahlen lassen, zweifach gegen Rost grundiert, zwei Farbschichten als Unterbau aufgetragen und die erste Schicht aus echtem Blattgold aufgetragen, die zweite Schicht fehlt noch. Im Anschluss muss noch der angedachte Zuckerwürfel aus Beton gegossen werden, auf den dann der Rahmen gestellt und befestigt wird. Das steht noch aus bzw. da schaue ich derzeit, mit welchen Firmen ich zusammenarbeiten werde.

Wo und wann wird „DASWEISSEGOLDVONWAGHÄUSEL“ dann final aufgestellt?
Um das Barockschloss stehen vier Kavaliershäuser. Der Rahmen soll dann zwischen dem Barockschloss und dem 4. Kavaliershaus, das nicht mehr existiert und als Silhouette zu erkennen ist, platziert werden. So hat man eine Blickachse auf das ehemalige Fabrik- bzw. die Silogelände – und Besucher haben die Möglichkeit, den weiteren Veränderungsprozess durch oder mit dem Rahmen zu beobachten. Sofern die Pandemie-Lage es zulässt, soll das ab Sommer möglich sein.

 

Wir das Projekt gefördert, z.B. durch Unternehmen aus der Region oder die Stadt?
Ja. Inzwischen sind ein paar Sponsoren aus der Stadt Waghäusel und der Region Karlsruhe begeistert von dem Projekt und unterstützen es aktiv, dazu gehören die Stadt Waghäusel, die Landesbank BaWü und die Südzucker AG sowie weitere Sponsoren aus der Region. Diese werden auf einer Edelstahltafel genannt.

Herzlichen Dank, Jens Grundschock, für diesen Einblick in ein Stück Zucker-Geschichte! 

 

Text und Interview von Isabelle 


Kommentare
Paul at Übersetzungsbüro

Sehr guter Beitrag zu diesem Thema.

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