Kunstszene

ARTIMA auf Zeitreise

Zu den Ursprüngen des Live Visuals mit dem Medienkünstler und VJ Peter Becker

Weit über die Landesgrenzen hinaus ist München international als gepflegte Weltmetropole für Kunst und Hochkultur bekannt. Nur wenige ahnen jedoch, dass die bayerische Landeshauptstadt in vielen Fällen als Nährboden für junge Subkulturen diente. Parallel zu ihrem Ruf als erster Graffiti-Knotenpunkt Deutschlands spielte München auch in der Clubszene eine tragende Rolle. Der Videokünstler Peter Becker aka „Autopilot “ war seit den 80er Jahren Visual Jockey (kurz: VJ) der ersten Stunde. Zusammen mit ihm begeben wir uns auf eine nostalgische Reise zurück zu den schrillen Anfängen dieser neondurchfluteten Partynächte begleitet von Elektrobeats. Leider verstarb Peter Becker diesen Sommer, kurz nach Beginn dieses Interviews. Der beste Freund, Peter Süß, unterstützte Anh bei der Fertigstellung dieses Artikels.

Peter Becker am VJ-Pult mit seinen Visuals im Hintergrund (Foto: Stella Becker)

Die ersten Techno und Electro Clubs in München kamen Mitte der 90er auf. Namen wie Ultraschall, Registratur und Harry Klein sind bis heute ein Begriff in der Electro Clubszene. Diese frühe Ära war der Nährboden für die Nachfolgegenerationen in München und darüber hinaus. Über die letzten Jahrzehnte erfand und erfindet sich die Clubszene vor Ort stetig neu und fördert nicht nur den Austausch neuer Jugendkulturen, sondern sie fungiert seither auch als Ausstellungsfläche für neue Kunstformen.

  Peter Becker (Foto: Gunter Hahn)

Peter Becker war seit den Anfängen als Video Jockey (VJ) dabei und erinnerte sich noch gut an die unzähligen Kisten VHS Kassetten, die er pro Show mit einem Transporter zum Club befördert hatte. Der Fachbegriff Visual wurde in dieser Zeit geprägt und im Jahr 2000 resultierte daraus das neue Berufsbild des Video Jockeys, der live visuelle Projektionen begleitend zur Musik erstellt. Ähnlich wie DJs muss ein guter VJ viel Feingefühl für die Bedürfnisse der Clubgänger entwickeln, um während der Party die richtige Atmosphäre für das Publikum erzeugen zu können. Denn im Laufe der Nacht verändert sich die Stimmung sehr impulsiv und Visuals, die bei der anfänglichen Feierlaune bunt und schrill waren, sollten sich im optimalen Fall stetig mit der changierenden Dynamik in den Morgenstunden anpassen.

In seiner Videokunst griff Peter Becker die Stimmung seiner Umgebung auf und kreierte damit ein adäquates Ambiente, indem er live dazu visuelle Klangfarben mit bunten Lichtern, Bildsequenzen und Video Mappings komponierte. Die dynamischen Videoschnitte und Einblendungen ersetzten den Beat zum Rhythmus. Er verstand es wie kein anderer, mit Farben, Motiven und Neonlichtern gezielte Emotionen bei den Betrachtern auszulösen. Auf diese Weise war er imstande, die Musik auch ohne Sound für alle sichtbar zu machen. Sein Background als akademischer Maler war ausschlaggebend für den unverwechselbaren Peter Becker Stil, bei dem er Video- und Lichtkunst mit Graffiti und Malerei verband. Zusammen mit dem Clubbesitzer Peter Süß arbeitete er regelmäßig Mixed-Media-Installationskonzepte aus und seit fast zwei Jahrzehnten bot der Club Harry Klein ihm dafür die Bühne.

Peter Becker in der Galerie [WHOYOU] in Sonthofen 2021 (Foto: Stella Becker)

Trotz einer fortgeschrittenen schweren Erkrankung ließ sich Peter Becker nie von der Kunst, die er stets als seinen Lebensinhalt bezeichnete, abhalten. Sofern es sein gesundheitlicher Zustand erlaubte, trat er an den Wochenenden regelmäßig als VJ im Harry Klein Online Stream auf. In der Galerie [WHOYOU] Sonthofen eröffnete im Juni 2021 seine Soloausstellung „Satellite of Love“[1]. Bis zuletzt arbeitete er an seinem Beitrag zur Ausstellung „Nachts. Clubkultur in München[2]. Der Eröffnung am 24. Juli 2021 im Stadtmuseum München konnte er schließlich nicht mehr beiwohnen, da er nur einen Tag vorher seiner Krankheit erlag.

Ein Beispiel für Peter Beckers UV Lichtkunst: gesprühte Graffities und Stencils mit fluorisziernder Farbe und Spraycan -Bazooka Ausstellung 2017 im Harry Klein: (Foto: Anh Nguyen)

Mit Peter Becker endet wohl das erste und älteste Kapitel der digitalen Clubvideokunst in München. Als VJ-Legende verwandelte er die Tanzflächen der Stadt zu Ausstellungsflächen für Licht- und Videokunst und gab als erster Dozent der LMU sein Wissen über Digital Art und Live Visuals an die nächste Generation weiter. Sein Leben sowie künstlerisches Schaffen scheint darüber hinaus nach wie vor sehr eng mit Harry Klein verbunden zu sein. Denn auch der Electroclub wird zum März 2022 vorerst seine Türen in der Sonnenstraße schließen und Platz für neue Hotelflächen schaffen. Aktuell ist Harry Klein jedoch eine Zeitkapsel; durch den pandemiebedingten Stillstand der Clubszene in München schlummert noch bis heute die letzte Installation von Peter Becker darin. An den Wänden hängen noch seine handgesprühten Stencils aus UV-Farben, die von bunten Neonlichtern angeleuchtet werden und seine kreative Aura ist in diesen stillen Räumen immer noch spürbar anwesend.

Obwohl es dem Clubbesitzer Peter Süß sehr schwer fallen muss, sein zweites Zuhause zusammen mit so vielen Erinnerungen an seinen besten Freund Peter Becker hinter sich zu lassen, blickt er trotzdem positiv in die Zukunft. Letztendlich ist es nicht das erste Mal, dass er einen Ort, in den er viel Herzblut gesteckt hat, zurücklassen muss.

„Der Umzug wird wieder ein Neuanfang sein, aber als Kinder der Nacht wissen wir, dass nach der Dunkelheit immer ein neuer Morgen anbricht“, lächelt Peter Süß zuversichtlich.

In diesem Punkt waren sich die beiden Best Friends wie immer einig: Denn schließlich war es auch Peter Beckers Lebensphilosophie und künstlerisches Credo wortwörtlich Licht und Farbe ins Dunkel zu bringen - und dies behielt er bis zuletzt bei …

© Ánh Nguyen | Art Management & Consulting
 

Mein großer Dank geht an dieser Stelle an Peter Süß vom Club Harry Klein, denn nur mit seiner Hilfe konnte ich dieses Interview über Peter Becker nach dessen Tod fertigstellen. 

 






 


[1] Satelite of Love: 26. Juni 2021 bis 3. September 2021 in der [WHOYOU] Galerie Sonthofen
https://www.whoyou.org und https://www.whoyou.org/heartists/autopilot/

[2] Nachts. Clubkultur in München: 24. Juli 2021 bis 1. Mai 2022 im Stadtmuseum München
https://www.muenchner-stadtmuseum.de/sonderausstellungen/nachts-clubkultur-in-muenchen

Bildergalerie

Angefangen hatte alles in den 50ern, als die Beatles die Musikbranche revolutionierten. Laut Peter Becker beeinflussten die Beatles nicht nur mit ihrer Musik eine ganze Generation, sondern sie legten vor allem mit ihren bunten und ausgefallenen Musikclips unbewusst den Grundstein für ein völlig neues Genre der Videokunst. Als 1959 in Deutschland die ersten Diskotheken mit DJs ihre Pforten öffneten, wurde zunächst nur mit bunter Beleuchtung gearbeitet.

Mitte der 60er schuf die Rockband Pink Floyd durch den abstrakten Rock’n’Roll sowie die visuelle Gestaltung ihrer Bühnenauftritte und Platten einen bisher noch nie da gewesenen Stil. Etwa zur gleichen Zeit entstanden die ersten Liquid Psychedelic Light Shows. Das Lichtkünstlerkollektiv Joshua Light Show aus New York spezialisierte sich als eine der ersten VJ-Gruppen professionell auf das Gebiet des ”Club Visuals”. Die Lichtprojektionen von damals ähneln im Prinzip den heutigen, nur waren die technischen Möglichkeiten weitaus beschränkter und aufwändiger. So war es nicht verwunderlich, dass man mehrere Tonnen Equipment benötigte, um eine Light Show umzusetzen.

Die Hippiebewegung der 70er brachte die Musik zum Teil mit Drogen in Verbindung und die Psychedelic Light Shows erreichten dadurch den Höhepunkt ihrer Beliebtheit. Stroboskoplichter und Lichtkugeln sind in Clubs von nun an unverzichtbar. Peter Becker suchte zu dieser Zeit noch nach Möglichkeiten, um Musik zu visualisieren.

In den 80ern schlugen der rebellische New Wave Punk und Electro in den Clubs ein. Digitale Geräte wie Kameras, Videorecorder und Computer waren jetzt erschwinglicher. Endlich konnte Peter Becker seine Kreativität digital umsetzen und malte mit dem Computer Amiga 500 die ersten digitalen Motive. Es war zugleich möglich, Videos mit dem VHS-Rekorder aufzunehmen und diese mit den Aufnahmen der Super 8 Videokamera zu verbinden. Im Münchner Westend gründete er die erste Videogalerie U5. Dieses Kollektiv bezeichnete er als „Kommando“, weil sie wie eine Söldnertruppe ihr eigenes Ding machten und sich von allen gesellschaftlichen Vorstellungen über Kunst lossagten. Einer seiner großen Kunden war damals Jean Paul Gaultier.

Bild 1: Bazooka Ausstellung 2017 im Club Harry Klein_c_Anh Nguyen

Bild 2: Peter Becker_c_Anh Nguyen

Bild 3: Peter Becker_c_Stella Becker

Bild 4: Die aktuellen Installationen im Harry Klein_c_Anh Nguyen

Bild 5: Peter Becker_c_Anh Nguyen

Bild 6: Peter Becker_c_Anh Nguyen

Bild 7: Bazooka Ausstellung 2017 im Club Harry Klein_c_Anh Nguyen

Bild 8: Peter Becker_c_Anh Nguyen

Bild 9: Peter Becker_c_Anh Nguyen 

Bild 10: Peter Becker_c_Stella Becker

Bild 11: Peter Becker_c_Stella Becker

Bild 12: Peter Becker_c_Stella Becker

Bild 13: Bazooka Ausstellung 2017 im Club Harry Klein_c_Anh Nguyen

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