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Kunstszene

Spieglein Spieglein in der Luft…

Olafur Eliassons Installation auf Hamburgs neuer (alter) Flaniermeile

Hamburgs Innenstadt ist um eine künstlerische Attraktion reicher, auch wenn es nicht sogleich auffällt. Die Installation „Gesellschaftsspiegel“ des dänischen Künstlers Olafur Eiasson will entdeckt werden und entfaltet ihren Reiz erst auf den zweiten Blick.

Fotos: Michael von ARTIMA

Zwei geometrisch geformte Türme aus bräunlich patiniertem Messing von jeweils fast 9 m Höhe markieren den Anfang und das Ende des „Alten Walls“, einer Straße direkt entlang des Rathauses. Die prachtvollen Gebäudefassaden wurden in den letzten Jahren aufwändig saniert und dahinter zeitgemäße Neubauten errichtet, die mit ihrem Mix aus hochwertigem Einzelhandel, Gastronomie und Kultur einen innerstädtischen Anziehungspunkt mit Eventcharakter schaffen sollen. Damit will man an die Zeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts anknüpfen, als der Alte Wall Einkaufsboulevard und Flaniermeile war.

Auch wenn das aufgrund der derzeitigen Gegebenheiten noch eine Weile dauern wird, greift Eliasson mit seinem Werk genau diesen Aspekt auf, indem er sich konträr dazu verhält. Mit seiner Installation verleitet er uns dazu, eine neue Perspektive einzunehmen, quasi die Haltung zu wechseln. Er lenkt unseren Blick weg von der Horizontalen, die uns das Shoppingerlebnis aufzwingt, in die Vertikale: die dreieckig bzw. rhombisch geformten Türme ruhen auf je vier hohen Stützen, wodurch sie in die Höhe, über die Köpfe der Fußgänger gehoben werden. Die ebenerdigen Öffnungen laden ein, zwischen die Stützen unter die Türme zu treten, um den Blick nach oben in deren Inneres zu lenken. Dabei entdecken wir verspiegelte Kaleidoskope in Form einer facettieren Kugel, die uns zunächst unwillkürlich an einen geschliffenen Edelstein denken lässt. Da die Türme nach oben offen sind, reflektieren die gegeneinander versetzten Spiegel das Umfeld in luftiger Höhe und holen es in einer Vielzahl von ausschnitthaften Bildern zu uns hinab: Details aus den umgebenden Gebäuden werden plötzlich – wie unter einem Brennglas – deutlich sichtbar.

Die lebendige Dachlandschaft des Rathauses im Stil der Neorenaissance mit ihrem reichen Skulpturenschmuck der Hamburger Schutzpatrone oder skurril manierierter Dekorationen breitet sich vor unserem Auge aus. Je nach Lichteinfall, Witterung oder Position des Betrachters ergibt sich ein neues Bild und eine neue Wahrnehmung. Die Vielfalt der unterschiedlichen Bilder regt uns an, die Perspektive zu wechseln. So können wir hier auf eine Entdeckungsreise gehen und kommen dabei nicht nur in Kontakt mit unserem räumlichen Umfeld, dem uns umgebenden Stadtraum, sondern ganz nebenbei auch mit anderen Menschen, die – neugierig geworden ob unseres Blicks in die Luft – auch unter die Türme kommen und den Blick heben. Dabei ergibt sich oft ein ganz ungezwungener und spontaner Gedankenaustausch über die entstandenen Bilder und das, was man gerade neu entdeckt hat. Dieser Austausch unterschiedlicher Wahrnehmungen mit der Vielfalt von Perspektiven kann auch als Sinnbild unserer Gesellschaft verstanden werden. So sagt der Künstler über seine Arbeit, die er eigens für diesen Standort in Hamburg geschaffen hat:

Wenn man in das kaleidoskopische Innere des Gesellschaftsspiegels blickt, nimmt man eine zusammengesetzte Perspektive unserer vielfältigen Gesellschaft wahr. Die Skulptur ist Spiegel der Gesellschaft. Dieser bietet unendliche Perspektiven, eine pluralistische Sicht auf eine Gesellschaft, die nicht hierarchisch und singulär, sondern vielfältig zu verstehen ist.

Insofern ist dies eine Installation, die in die Zeit passt, indem sie uns allen gleichermaßen Zutritt gewährt und uns Individualität in der Gemeinschaft erleben lässt.

 

Text und Bilder von Michael 

 

 

 

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