Zum Inhalt wechseln

Kunstszene

Van Gogh - Stillleben in Potsdam

Rationale Begegnung mit van Gogh

Gleich zwei große Ausstellungen beschäftigen sich in Deutschland derzeit mit Vincent van Gogh. ARTIMA schaute in Potsdam vorbei.

Vincent van Gogh (1853-1890), Vogelnester, Öl auf Leinwand, 33,3 x 43,3 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande

Beide Ausstellungen gehen daran, den Künstler - wenn nicht zu entzaubern - so doch den Mythos zu enträtseln und ihm auf einer rational nachvollziehbaren Ebene zu begegnen: „Making Van Gogh“ im Städel in Frankfurt und „Van Gogh – Stillleben“ im Museum Barberini in Potsdam.

Potsdam: 27 von 170 Stilleben
Während die Frankfurter Ausstellung sich mit den Highlights im Gesamtwerk und ihrem Einfluss auf die Moderne in Deutschland befasst, konzentriert sich die Ausstellung in Potsdam auf das Genre des Stilllebens und zeigt daran exemplarisch die Entwicklung des Künstlers im Ringen um Ausdruck mittels Farbe und Form. Beleuchtet werden alle Phasen des nur zehnjährigen künstlerischen Schaffens van Goghs, in dem er 170 Stillleben gemalt hat, von denen 27 in Potsdam versammelt sind.

Den Haag: Hell-Dunkel-Kontraste
Die Ausstellung beginnt mit den frühen, in Den Haag entstandenen Bildern, die noch ganz von den Helldunkelkontrasten der Malerei seiner niederländischen Heimat geprägt sind. Dargestellt sind Gegenstände des täglichen Lebens, die aufgrund ihrer leichten Verfügbarkeit ein wunderbares Material für die räumliche Inszenierung lieferten. So wurden diese frühen Stillleben zu einem künstlerischen Experimentierfeld  für das Verhältnis der Dinge zueinander im Hinblick auf Form und Perspektive. Dabei sind einzelne Gegenstände hervorgehoben durch punktuelle Beleuchtung und strahlen aus dem Dunkel hervor, noch ganz im Stile der alten Meister des Goldenen Zeitalters.

Paris: Änderung von Parbpalette und Pinselduktus
Erst mit der Übersiedlung nach Paris und der Auseinandersetzung mit den aktuellen Strömungen der Kunst änderten sich Farbplatte und Pinselduktus und bildete sich jener einzigartige Stil heraus, den wir heute mit dem Namen des Künstlers verbinden. Dabei – und auch das zeigt die Ausstellung sehr deutlich – war von Gogh nicht nur ein einsamer Wolf, der zurückgezogen in seiner eigenen Welt lebte. Vielmehr setzte er sich auseinander mit den Künstlern und Strömungen seiner Zeit. Er kannte nicht nur die Werke der Impressionisten, sondern auch die Meister selbst. Mit einem von ihnen, Paul Signac, dem Begründer des Pointillismus, malte er gemeinsam in der freien Natur. Und genau wie diese begeisterte er sich für den Japonismus und setzte sich mit den neuen Erkenntnissen der Wahrnehmungsphysiologie auseinander. All dies war für ihn stilprägend und in kürzester Zeit änderten sich Pinselduktus und Farbpalette. Dabei bildete sich jene markante Pinselschrift aus einzelnen, langen, nebeneinandergesetzten Pinselstrichen heraus, die seinen Bildern ihre Dynamik verleihen. Seine Palette hellte sich auf und die damals viel diskutierte Lehre über die Simultankontraste führte dazu, dass van Gogh dazu überging, diejenigen Farben, die sich im Farbkreis gegenüberliegen, direkt nebeneinander zu setzen, um deren Wirkung noch zu verstärken.

Vincent van Gogh (1853-1890), Stillleben mit Orangen, Zitronen und blauen Handschuhen, 1889, Öl auf Leinwand, 48 x 62 cm , National Gallery

Leidenschaft: Farbintensität und Leuchtkraft
Dies führte zu einer ungeheuren Farbintensität und Leuchtkraft in seinen Bildern, die Ausdruck von unmittelbarer Leidenschaft sind. Dabei scheinen den Dingen Emotionen einverleibt zu sein, die über das Dargestellte hinausweisen. Sie geben damit Auskunft über die momentane Verfasstheit des Künstlers. Dies zeigt sich besonders, wenn die Stillleben Gegenstände mit einem hohen Identifikationsgrad für den Künstler vereinen, so dass ihnen quasi eine Stellvertreterfunktion zukommt, wie in den Bildern „Lederpantoffeln“ oder „Stillleben mit Zwiebeln“.  Letzteres ist ein verdecktes Selbstporträt, das kurze Zeit nach dem Streit mit Paul Gauguin entstanden ist.  

Letztlich strahlen die Bilder so viel Leidenschaft aus, dass sie bis zum Schluss ein Zeichen seines Lebenswillens sind, wie das farbprächtige Werk „Blühende Kastanienzweige“, das kurz vor seinem Tode im Jahr 1890 entstanden ist.

Vorbild für Expressionisten
Die Intensität, mit der er den Dingen Emotionen verleiht, führt zu einem Eigenleben der Farbe in seinen Bildern. Damit gehen diese weit über die formauflösende und auf das Atmosphärische zielende Wirkung impressionistischer Bilder hinaus und sind ein direktes Vorbild für die Expressionisten.

ARTIMAs Fazit
All dies zeigt die Ausstellung im Museum Barberini exemplarisch an gut ausgewählten und aufeinander bezogenen Werken, vornehmlich aus der ehemals privaten Sammlung des Kröller-Müller Museums in Otterlo aufs Anschaulichste.

Bleibt nur noch der Wermutstropfen, dass die Museumsräume die Besuchermassen kaum zu fassen vermögen und der Sehgenuss dadurch eingeschränkt wird. Somit sollte der Besuch der Ausstellung bis zum 02.02.2020 wohl durchdacht und geplant sein. Es lohnt sich!

Im Anschluss an die Van Gogh-Schau zeigt das Museum Barberini vom 22. Februar bis 1. Juni 2020 "Monet. Orte."

Weitere Informationen
museum-barberini.com/van-gogh/
prolog.museum-barberini.com/vangogh
#VanGoghBarberini

 

Verwandter Blogartikel:

ARTIMA auf den Spuren van Goghs in der Provence 


Kommentare
Es sind keine Kommentare vorhanden.
Neuer Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar und nehmen Ihren Beitrag ernst. Damit wir dies schaffen, bitten wir um einen kultivierten, respektvollen Umgang miteinander.

Zum Anfang