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Kunstszene

MIT TANZ UND ARCHITEKTUR

Drei Münchnerinnen bringen Tanz und Architektur zusammen

Architektur und Stadt sind zentraler Bestandteil unserer Alltagserfahrungen. Wir erleben diese mit allen Sinnen, sind uns dessen jedoch nur selten bewusst und können unser Erleben schwer benennen. Die Initiatorinnen des Kunstprojekts MIT TANZ UND ARCHITEKTUR wollen dies ändern. Städtische Orte werden mithilfe des Tanzes erkundet – am Ende entsteht aus der Summe dieser Erkundungen eine Sammlung im tänzerischen Raumforschungs-Atlas.

Bunker an der Blumenstraße, ein Ausstellungsort der Architekturgalerie München e.V. Tänzer/innen: Barbara Galli-Jescheck, Pascale Becker, Lara Paschke, Gunther Henne (Foto: Barbara von Jagow)

Die Grundzüge sind schnell umrissen: Vier Tänzer*innen – vier Architekt*innen – vier architektonische Orte – eine Stadt.


Tänzer*innen: Pascale Becker, Lara Paschke, Barbara Galli-Jescheck, Gunther Henne (Foto: Barbara von Jagow)

Diese Begegnungen bilden den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der Wirkung architektonischer Räume. Mit dem Anliegen, interdisziplinäre Perspektiven über den Raum zusammenzubringen, um ihre Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten besser verstehen zu können, entwickeln die Choreographinnen Barbara Galli-Jescheck und Katharina Voigt sowie die Kuratorin Barbara von Jagow ihre Idee. Es sind grundlegende Fragen, denen die Münchnerinnen nachgehen: »Wie erlebst Du die Stadt?«, »Wie erlebst Du die Architektur?« oder »Wie kann ich den Raum mitgestalten?«

MIT TANZ UND ARCHITEKTUR richtet sich zunächst an Akteur*innen der Architektur- und Tanzszene, später sollen auch Laien eingebunden werden. In der fachübergreifenden Zusammenarbeit bringen alle Beteiligten ihre spezifischen Arbeitsweisen ein und entwickeln gemeinsam Methoden der Raumerkundung, die in abschließenden ortsspezifischen Performances resultieren. Diese werden sowohl filmisch als auch fotografisch begleitet und dokumentiert und in der Architekturgalerie München e. V. gezeigt.

MIT TANZ UND ARCHITEKTUR: Tanz in den Zeichnungen von Florian Hugger und Thomas Rampp in der Ausstellung Bauten, Räume und Landschaften – Architekturzeichnungen aus zwei Jahrzehnten. (Zu sehen ist Tänzerin Barbara Galli-Jescheck. Foto: Barbara von Jagow)

Vor Ort erkunden

Den Auftakt für die Serie der unterschiedlichen Architektur- und Stadtorte bildet der Hochbunker an der Blumenstraße, ein geschichtsträchtiger Ort, der heute eine Ausstellungsdependance der Architekturgalerie München ist. Die gedrungenen Räume in der dickwandigen Betonstruktur prägen dessen Erleben trotz seines Nutzungswandels bis heute. Vor Ort wird das Bewegungsmaterial der Tänzer*innen ergänzt und vertieft durch das, was die Architektur anbietet: Die kalten Steinböden, die massiven Stahlbetonwände sowie die niedrigen Decken der Regelgeschosse werden im Tanz aufgegriffen. Nach einem aufwärmenden Wirbel durch die immer gleichen, ehemaligen Schutzräume wird der überhohe Dachraum entdeckt – ein geheimer Ort mit Blick über die Stadt. Sofort verändert sich der Tanz, und Raumhöhe sowie Dachschräge beeinflussen die Bewegungen. (Foto rechts zeigt Lara Paschke)

Über das unmittelbare Erfahren hinaus bietet das kulturelle Hintergrundwissen über den Ort eine weitere Dimension der Auseinandersetzung. Im Fall des Bunkers – eine Funktionsarchitektur, errichtet im Nationalsozialismus und als Schutzbunker für das umgebende Stadtquartier vorgehalten bis in die jüngste Vergangenheit, deren Nutzungswandel sie heute zu einem Ort der Baukultur macht – diskutieren die Teilnehmenden intensiv über philosophische Fragestellungen Identität und kulturellem Erbe und deren räumliche Verankerung.  

v.l.n.r. Barbara von Jagow (Kuratorin und Baukulturvermittlerin, Katharina Voigt (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TUM München) und Barbara Galli-Jescheck (Tänzerin, Choreographin). Foto: Marina Hufnagel

Im Kontext: Räume erkunden und gestalten
Fast überall ist man von Architektur unterschiedlicher Qualitäten umgeben. Sie ist für uns alltäglich – wir bewegen uns im Stadtraum, wir wohnen, wir gestalten unsere Wohnungen. In ihrer Omnipräsenz wird die Architektur zu einer Rahmenbedingung unseres Lebens, die wir als gegeben annehmen, ohne sie weiter zu befragen. Indes empfinden wir manche Orte als einladend, andere als abweisend; es gibt Räume, in denen wir geborgen sind, solche in denen wir gerne verweilen.

Grundsätzlich gilt, dass die gebaute Umgebung über das sinnliche Erleben direkten Einfluss auf unsere Stimmungen hat. Gute Architektur ermöglicht also im besten Fall Gesundheit, Glück und Wohlbefinden.

Gleichzeitig fehlt es aber an Wissen und Verständnis für Stadt, Architektur und Design, und genauso häufig an dem notwendigen Vokabular, um über Themen der Architektur zu sprechen. Solange man nicht weiß, wie die Dinge benannt werden, fällt es jedem interessierten Laien schwer, sich aktiv an Diskussionen der Stadtgestaltung, des zukünftigen Wohnens, des Zusammenlebens sowie der Ästhetik von Architektur zu beteiligen.

Wie kann nun ein Wissen über Architektur erlangt werden, um zukünftig eine lebenswerte Architektur aktiv mitzugestalten?

MIT TANZ UND ARCHITEKTUR möchte den Tanz als (forschende) Methode zum Erkenntnisgewinn nutzen. Durch die Bewegungen im Raum werden Orte erfühlt, besser kennengelernt und als Erfahrungen im Körpergedächtnis gespeichert. In der Begegnung von Tanz und Architektur wird das Bewusstsein für Architektur geweckt und neue Perspektiven auf dieselbe eröffnet. So entstehen im Dialog neue Kommunikationsformen, um über Architektur zu sprechen.

 

Das Wissen archivieren
Es ist ein zentrales Anliegen des Projektes – wie bei dem Auftakt im Hochbunker – vielseitiges Wissen in den Gegebenheiten der Architektur zu sammeln, dem Raumerleben nachzuspüren und es insbesondere mit tänzerischen Mitteln herauszuarbeiten. Die Arbeitsweise kann und soll auf andere Orte übertragen werden. Alle Erkenntnisse finden Aufnahme im tänzerischen Raumforschungs-Atlas, der eine große Sammlung (Münchner) Architekturorte zeigt. Die Vision ist, über Münchner Orte hinaus in der ganzen Welt mit Tanz Architektur zu entdecken.

Mit diesem Ziel, möglichst viele Orten in dieser Weise  zu erkunden, haben die Initiatorinnen eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen. Hier gibt es weitere Projektinformationen, ein kurzer Dokumentarfilm gibt Einblick in die Arbeitsweise. Bis Ende April 2021 besteht die Möglichkeit das Vorhaben aktiv zu unterstützen.
Zur Startnext-Kampagne

 

Konzept und Idee: Barbara Galli-Jescheck (Tänzerin, Choreographin), Barbara von Jagow (Kuratorin und Baukulturvermittlerin, Katharina Voigt (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TUM München)

Grafik: Ellie Hochdörfer
Film: Marina Hufnagel

 



In Kooperation mit der Architekturgalerie München e. V.

 

 

Ein Gastbeitrag von Barbara von Jagow und Katharina Voigt


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